Zu Gast in der Sprecherkabine: Roman Beer / © wsk
Roman Beer Beer ist Löwen-Fan und Architekt. Von daher liegt ihm das “Sechzger Stadions”, wie das Städtische Stadion an der Grünwalder Straße im Volksmund genannt wird, besonders am Herzen. Seit Jahren gibt es Diskussionen über die Zukunft dieses Stadions. Hier holte sich der TSV 1860 1966 die Deutsche Meisterschaft. In diesem Stadion spielten sich die Löwen in der Saison 1965/ 66 im Europacup bis ins Finale nach London. Auch für den Deutschen Meister des Jahres 1969, den FC Bayern München, war dieses Stadion bis 1972 Heimstätte. Abriss oder Umbau? Das war die brennende Frage. Inzwischen hat sich in der Stadionfrage einiges getan.
wsk: Hallo Herr Beer, zum Thema „Stadion an der Grünwalder Straße“ fällt mir die folgende Begebenheit ein: In der Saison 1994/ 95 waren die Löwen wieder in die Bundesliga aufgestiegen. Erst, als sie nach einer Niederlagenserie ins heimische Sechzger-Stadion umzogen, konnten sie auch die zum Klassenverbleib erforderlichen Punkte sammeln. Frage: Gehören die Löwen überhaupt in ein anderes Stadion, als das Sechzger?
RB: Ein klares Nein. Nun zur Situation, die Sie ansprechen. Der TSV 1860 war damals von der Bayernliga in die Bundesliga durchmarschiert. Im ersten Bundesligajahr umfasste der Kader noch viele Spieler, die diesen Weg mitgegangen waren und die, ich will es mal so beschreiben, nur über den Kampf ins Spiel fanden. Für diese Spieler war die Atmosphäre im Günwalder Stadion natürlich optimal. Der Support der Löwen-Fans im Hexenkessel „Grünwalder Stadion“ hat maßgeblich dazu beigetragen, dass 1860 in dieser Saison die Klasse halten konnte. Diese Spielzeit wird von vielen Löwen-Fans als das Highlight der letzten 30 Jahre angesehen.
wsk: Das Städtische Stadion an der Grünwalder Straße steht seit Jahren in der Kritik. Sogar von Abriss war die Rede. Wo sieht die Stadt München eigentlich das Problem? Weshalb geht die bayerische Landeshauptstadt derart fahrlässig und achtlos mit ihren Kulturgütern um? (siehe auch Interview Henning Heske)
RB: Das kann man so nicht mehr sagen. Mittlerweile hat hier ein Umdenken stattgefunden. Die Stadt München hat inzwischen die Bedeutung des Grünwalder Stadions erkannt.
wsk: Es gibt eine Bestandsgarantie für das Stadion. Die läuft im Jahr 2018 ab. Was hat es mit dieser Garantie auf sich bzw. welche Maßnahmen beinhaltet sie?
RB: Im Dezember hat die Stadt München zugesagt, in den nächsten vier Jahren rund zehn Millionen Euro in das Stadion zu investieren. Damit dürfte der Bestand des Grünwalder Stadions für die nächsten 20-30 Jahre gesichert sein. Bislang steht zwar noch die Garantie bis 2018, aber es ist sinnlos, zehn Millionen in etwas zu investieren, das man vier Jahre später dann wieder abreißt. Insofern kann man davon ausgehen, dass der Fortbestand des Stadions für die nächsten zwei bis drei Jahrzehnte, quasi eine Politikergeneration, gesichert ist. Damit haben wir unser erstes Hauptziel erreicht.
wsk: Sie sind der Vorsitzende eines Vereins, der sich „Freunde des Sechzger-Stadions“ nennt. Was macht dieser Verein? Wie ist er entstanden? Was sind Ihre Aufgaben?
RB: Der Verein besteht seit Herbst 1996. Seit 1993 gab es bei 1860 München erste Überlegungen, ins Olympiastadion umzuziehen. Die Fans haben sich dagegen gewehrt und wollten unbedingt im Grünwalder Stadion bleiben.
Es gab dann eine Debatte, was aus dem Sechzger Stadion werden sollte. Schließlich folgte der Freundeskreis, der sich für den Erhalt und den Ausbau des traditionsreichen Giesinger Stadions einsetzte. Wir haben gewisse Kontakte zur Münchener Lokalpolitik, zu den Verantwortlichen bei 1860 und auch zur lokalen Wirtschaft aufgebaut, sie gepflegt und so öffentlichkeitswirksam eine Interessengruppe für das Grünwalder Stadion auf die Beine gestellt.
wsk: Wer ist eigentlich Roman Beer? Und was macht er im richtigen Leben?
RB: Ich bin 30 Jahre alt, Architekt und seit 2003 Vorsitzender der Freunde des Sechzger Stadions.
wsk: Was finden Sie am Sechzger-Stadion und weshalb engagieren Sie sich dafür?
RB: Dieses Stadion fasziniert mich. Es gehört zu den zehn ältesten Stadien in Deutschland, hat eine große Tradition und ein gewisses Flair. Das Stadion ist, wie man heute noch sehen kann, kontinuierlich gewachsen und baulich immer wieder erweitert worden. Das ist einfach faszinierend.
Im Grünwalder Stadion hat der TSV 1860 München seine größten Erfolge gefeiert. Mit diesem Stadion verbinde ich viele persönliche Erlebnisse.
wsk: Haben Sie auch selbst mal für die Münchener Löwen gespielt?
RB: Nein, ich habe nicht für die Löwen gespielt, ich war nur unterklassig aktiv…
wsk: …wo denn?
RB: ….beim TSV Weißblau Sechzgerstadion. Das ist ein Verein, den wir einmal als Gegenpol zum TSV 1860 München gegründet haben, als der Verein sich unter dem Präsidenten Wildmoser von seinen Wurzeln zu entfernen drohte.
wsk: Sie haben auch ein wunderbares Buch (Roman Beer, Kultstätte an der Grünwalder Straße, die Geschichte eines Stadions, Verlag die Werkstatt) über das Sechzger Stadion geschrieben. Wie ist die Idee dazu entstanden?
RB: Das Sechzger Stadion war während meines Architekturstudiums Thema einer Studienarbeit. Schon beim Schreiben wusste ich, dass ich diese Arbeit nicht verschenken durfte, sondern was draus machen musste. Ich habe das Buch zusammengestellt. Die Leute vom Verlag Die Werkstatt haben sich dafür interessiert und es veröffentlicht.
wsk: Wie lange haben Sie an diesem Projekt gearbeitet?
RB: Insgesamt habe ich zwei lange Jahre an diesem Buch gearbeitet.
wsk: Wie war die Resonanz, die Sie auf das Buch erhalten haben?
RB: Die war durchweg gut. Die erste Auflage ist weg. Nachfragen kommen immer noch.
wsk: Im nächsten Jahr, zum Hundertsten des Grünwalder Stadions, wird es eine überarbeitete Auflage Ihres Buches geben. Was ist neu?
RB: Nun, ich habe die Jahre, die zwischen der Erstveröffentlichung und heute liegen, historisch aufgearbeitet. Da sich in diesem Zeitraum eine Menge getan hat, gibt es natürlich auch eine Menge zu berichten. Die Bebilderung des Buches wird ebenfalls überarbeitet. Etliche neue Bilder kommen dazu, wobei ein Teil vielleicht sogar farbig sein wird.
wsk: Hat Ihnen dieses Buch bei Ihrer Arbeit „Pro Sechzger-Stadion“ irgendwie weitergeholfen?
RB: Ja, wir haben das Buch bei unserer Arbeit eingesetzt. Um die Münchener Stadträte für das Thema zu sensibilisieren, haben wir jedem eins in die Hand gegeben. So etwas zu lesen und zu sehen ist eben doch etwas anderes, als immer nur über ein Thema zu reden. Auch das hat zum Meinungswandel in den letzten Jahren beigetragen.
wsk: Ihre persönliche Prognose, was die Zukunft des Städtischen Stadions an der Grünwalder Straße betrifft? Kann das alles noch ein gutes Ende nehmen?
RB: Das wird auf jeden Fall ein gutes Ende nehmen. In der Vergangenheit war man bemüht, die Stadien auf eine Wiese vor die Tore der Stadt zu bauen. Nehmen Sie das Münchener Olympiastadion oder, noch schlimmer, die Allianz Arena in Fröttmaning. Dieses Stadion liegt außerhalb in einem Gewerbegebiet zwischen Müllberg, Kläranlage, Sondermüllverwertung und U-Bahn-Betriebshof. Was ist da? Nichts. Die Tendenz geht mittlerweile wieder „in die Stadt zurück“. Da ist Leben. Die Leute wollen es nicht mehr in Kauf nehmen, irgendwohin rauszufahren.
Das Grünwalder Stadion liegt in Giesing, mitten in der Stadt. Außen gibt es reichlich Gaststätten, Restaurants, Kneipen – da ist Leben, Kultur, Kommunikation, Spaß. So etwas sorgt auch für eine Aufwertung der Innenstädte. Das muss man auch einmal klar sagen. Das Städtische Stadion an der Grünwalder Straße ist ein Filetstück. So ein Gelände kriegen Sie heute nirgendwo mehr. Zum einen würden Sie an so einer Stelle niemals mehr eine Baugenehmigung bekommen, zum anderen wäre dieses Gelände heutzutage nicht mehr zu bezahlen.
Wir sind auch immer bei den Spielen der zweiten Mannschaft des TSV 1860 vor Ort. Das Stadion wird angenommen. Die kleinen Löwen haben in der Regionalliga Süd einen Zuschauerschnitt von rund 1200 – 1500 Zuschauern. In dieser Liga und als zweite Mannschaft ist das schon phänomenal.
Wir hatten in den letzten Jahren, um den Stellenwert des Stadions zu demonstrieren, die X-Tausend, bzw. XX- und XXX-Tausend-Aktionen. Das betraf immer die letzten Saisonspiele der II. Mannschaft. 2007 gegen Wehen kamen über 7.000 Zuschauer, 2008 gegen Regensburg waren 12.500 Zuschauer da und 2009 gegen die zweite Mannschaft des SC Freiburg waren es dann 10.500 Zuschauer, die den Weg ins Grünwalder Stadion gefunden haben. Das sind doch stattliche Zahlen, oder wie sehen Sie das? Das zeigt uns doch, dass viele Fans an diesem Stadion hängen. Daran sehen wir, dass wir auf einem guten Weg sind.
wsk: Herr Beer, wir danken für das Gespräch und wünschen weiterhin viel Erfolg bei der Mission „Sechzger Stadion“.
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Sehr interessantes Interview , auch wenn hier oft Wünsche wie Tatsachen dargestellt werden.
Aber dass scheint in einer solchen Liebesbeziehung normal.
Nach meiner Kenntnis , ich hatte im Mai im “Grünwalder” zu tun , werden wohl eher die “kleinen” Bayern als die 1860 dort Ihre neue/alte Heimat finden.
Herrn Beer und allen Mitstreitern sei jedoch weiterhin viel Mut und Kraft gewünscht. Wer eine muntere Galerie des “Grünwalders” aus dem Mai sehen möchte , dem wäre eine Ausstellung
in der Eisernen Botschaft in Berlin-Köpenick im Herbst 2010 ans Herz zu legen. Näheres dazu ab 1.September unter http://www.eiserne-menschen.de
MM
Hallo Machulke,
besten Dank für den Kommentar. Es wäre schön, wenn Du zeitnah noch einmal Infos zu dieser Ausstellung hereinreichen könntest, dann würden wir explizit und, so das gelieferte Material dies zulässt, ausführlich auf die Veranstaltung hinweisen. Danke.
ww